Was haben Gefühle mit Schule zu tun?
Der Prozess an der Landrat-Gruber-Schule in Dieburg unter der Leitung von Peter Holnick vom Institut Medienpädagogik und Kommunikation in Hessen (MUK): 12 Berufsschüler*innen reflektieren auf ihre Schulzeit. Es ist ein Rückblick, denn jetzt sind sie alle freiwillig zurück in der Schule und lernen genau das, was sie wollen. Sie haben sich ihre Zukunft aus der Fülle der Berufsmöglichkeiten ausgewählt. Die meisten von ihnen durchlaufen die Ausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher. Somit sind die Strukturveränderungen über die sie im FUTURE.LAB 2030 auf kreative Weise nachdenken auch ein möglicher Vorausblick, etwas, was sie in ihre spätere Tätigkeit integrieren können. Theoretisch eine echte Win-Win-Situation.
Die Gruppe geht drei Hauptthemen für die Veränderungsarbeit an:
interpersonelle Verbindungen, Verhältnis zu Räumen, Lerninhalte gemessen am Leben.
Das große Thema dahinter, das immer wieder aufscheint: emotionale Verbindungen schaffen, Gefühle erkennen und entwickeln, in Kontakt treten – mit sich, mit anderen, mit der Umgebung.

Es folgt ein zusammenfassendes Protokoll des zweiten Projekttages.
Das Medienprojekt der LGS: Gruppe Interpersonelle Verbindungen
Die Gruppe erklärt ihr Vorgehen und die Gedanken, die sie in einem Film verwirklichen wollen
Tasha (25): Wir haben uns mit dem Thema Mobbing beschäftigt. Was passiert in der Zukunft mit den Opfern? Dazu gestalten wir einen Film: Ich bin das Opfer und erinnere mich viele Jahre später und nebenbei läuft ein Lied. Es endet damit, dass ich mein Leben beende.
Robin (20): Wir wollen auch verdeutlichen, was Lehrer verbessern könnten: Die Pause ist ein wesentlicher Bestandteil von Schule. Hier müssen die Pausenaufsichten hingucken und wahrnehmen.
Tasha: JETZT müssen wir uns darüber Gedanken machen. Das ist wie mit dem gestrandeten Wal mit der großer Menge Plastikmüll im Magen. So weit soll es nicht kommen. Bevor es zum Extremfall wird, muss man was ändern!
Sina Kuhlins: Habt ihr euch überlegt, welche Forderungen ihr dann an die Lehrer stellen wollt?
Elia (19): Der Lehrer soll sich mehr damit auseinandersetzen. Mehr Augenmerk darauf haben, dass es Mobbing gibt. Und verstehen, dass er mehr eingreifen muss.
Kim (21) wünscht sich mehr Berufsgruppen in der Schule, weil Lehrer das nicht bewältigen können und Robin beklagt sich darüber, dass selbst Lehrer die Schüler*innen sogar außerhalb des Unterrichts mobben würden, indem sie ihnen die Handys wegnehmen, auch wenn man nur mal auf die Uhr geguckt habe.
Erleichterung bei der Protokollantin als Felix (29) sagt: Du kannst ja nicht erwarten, dass ein Lehrer das alleine leistet … wir müssen als Schüler selbst aktiv werden! Eine Gruppe bilden, und wenn wir was beobachten, klar machen: „Finger weg!“ Das lernen wir dann auch für später! Wir müssen lernen die Augen offen zu halten. Macht eine Stop-Geste „Da musst du erstmal an uns vorbei.“
Nina (18) stimmt zu: Das Thema Mobbing sollte schon früh aufgriffen werden. Teambuilding ist wichtig. Durch Spiele und reden enger zusammenwachsen – und das schon in der Grundschule.
Wird dieser Gedanke Eingang in den weiteren Prozess finden?

Das Projekt der LGS: Gruppe Verhältnis zu Räumen
Valeska (22): Wir wollen zwei Filmchen machen: Im ersten zeigen wir den üblichen Klassenraum; dunkel, lautlos und über Mikro erzählen wir live dazu, was wir uns wünschen. Dann den positiven Film zeigen. Zum Beispiel mit einem Lernort in der Natur.
Kim (21): Lernen findet auch außerhalb der Schule statt. Es ist wichtig grundlegende Dinge für das spätere Leben zu lernen. Dafür gibt es keine Räume in der Schule. Eine Wohnung zum Beispiel wäre gut, darin könnte man lernen, Aufgaben zu bewältigen, wie Wäsche waschen, ein Regal aufbauen, tanken gehen, das alltägliche Leben miteinbeziehen. Und nicht erst anfangen nachzudenken, wenn man schon in der Situation drin steckt.
Noelia (20): Das passt total zu unserem Thema! Es geht in unserer Szene darum, dass der Unterricht verbessert werden muss.

Das Projekt der LGS: Gruppe Lerninhalte gemessen am Leben
Noelia (20): Unsere Vision ist, dass wir besser auf das Leben vorbereitet werden. Die Szene wollen wir ins Lächerliche ziehen, Comedy-mäßig. Ein Paar in einer Wohnung, etwas soll gekocht werden. Einer sagt: „Mach mal“ aber es klappt nicht. „Mathe hilft immer weiter!“. „a² + b² = c²“ … Daran wollen wir zeigen, dass die Inhalte aus der Schule im echten Leben nicht helfen.
Felix (29):. Basics sind wichtig: schreiben, rechnen, lesen. Das kann in der Grundschule vermittelt werden, danach ab 7./8. Klasse eher fachbezogener Unterricht. Ein Unterrichtsinhalt nach Interesse. Der Schüler sitzt dann da, weil er sich dafür interessiert. Schule soll kein Zwang sein, sondern soll anders wahrgenommen werden. Ich kann mit einem ganz anderen Gefühl in den Unterricht gehen! Ich komme gerne her, ich brauche das und möchte das gerne wissen. Wenn man im Unterricht jemandem etwas beibringt, wofür er sich nicht interessiert, dann geht das nach hinten los.
Noelia: Ziel ist das selbstständige Lernen. Jeder hat sein eigenes Tempo. Man sollte alles dann absolvieren, wenn man dazu bereit ist.
Felix: Schule geht derzeit davon aus, dass alle zum selben Zeitpunkt auf dem gleichen Stand sind.

Hat die Gruppe konkrete Ideen und Vorschläge zur Veränderungsarbeit? Wie werden sie die Ideen medial umsetzen?
Nach mehr als zwei Stunden intensiver Arbeitszeit in den Kleingruppen, stehen weite Teile der drei Projekte:
Die Mobbing-Geschichte wird per schwarz/weiß Video aus der Perspektive des Opfers erzählt. Die Selbsttötung am Ende fällt weg. Die Gruppe filmt mit dem Handy und probiert verschiedene Einstellungen, um das stumme Leiden des Opfers einzufangen. Der Song wird von der Gruppe im Studio des MUK selbst eingespielt.
Die Raumphantasien finden ihren Weg in abstrakten Bildern, die beim Betrachten Gefühle vermitteln sollen. Dazu suchen die Teilnehmerinnen nach starken Symbolbildern, die Freiheit, Neugierde, Sicherheit, Lust auf Lernen, Freude repräsentieren bzw. evozieren. Die Bilderreihe wird in einer virtuellen Führung präsentiert, in der das Gefühl mittels der Fotos, Klang und Texten aufgerufen wird, das in diesen Räumen entstehen könnte. Schule trifft Gefühle.
Die Lerninhalte-Kritik wird als Spielszene live aufgeführt – zwar chorisch und in sprachfreier Stummfilmmanier überzeichnet – aber inhaltlich wie oben beschrieben mit einem für die hier arbeitende Altersgruppe erstaunlich gering angesetztem Lernziel: Ich lerne Spülmaschine … .
Aber, die Arbeit geht ja weiter!
Andrea Fischer